Blog 17.06.2026
GV GRdigital 2026: Die digitale Seilschaft wächst. Wer kommt mit auf die digitale Bergtour?
Immer mehr Betriebe, Organisationen und Menschen ziehen mit, und ich bin überzeugt, dass wir die digitale Transformation im Kanton Graubünden gemeinsam meistern. Notizen von einem erkenntnisreichen Abend, dessen Fokus der Tourismus war, dessen Lehren aber weit darüber hinausreichen.
Es war kurz nach fünf, der formelle Teil vorbei, als der Abend erst richtig erkenntnisreich wurde. Vier Menschen aus vier Welten betraten die Bühne: eine Content Creatorin, ein Walliser Projektleiter, ein KI-Unternehmer und ich als Leiter der GRdigitalFachstelle Tourismus. Wer in Graubünden mit Betrieben und Organisationen über digitale Transformation spricht, landet sonst oft bei Tools, Abos und Funktionslisten. An diesem Abend kein einziges Mal.
Das klingt nach einem Detail. Es ist der ganze Punkt.
Denn alle vier sprachen aus meiner Sicht über das Wesentlichere, über das, was vor dem Werkzeug kommt und um das Werkzeug herum: über echte Probleme, über Menschen, über Daten und über den Mut, einfach anzufangen. Vier, die das so nie abgesprochen hatten und trotzdem dasselbe meinten.
Rund 120 Personen kamen am Mittwoch, 17. Juni 2026, an die ibW Höhere Fachschule Südostschweiz in Chur zur Generalversammlung von GRdigital.
Der formelle Teil
Zuerst stand der formelle Teil an, das eigentliche Vereinsgeschäft. Präsident Jon Erni führte in gut 45 Minuten zügig durch Bericht und Rechnung, drei Vorstandsmitglieder wurden wiedergewählt (Aixa Andreetta, Reto Keller und Carla Caspar), das Team auf der Geschäftsstelle darf seit 2025 auf die wertvolle Unterstützung von Daniel Fuchs und Flurina Jäger zählen. Dass Marcel Meyer aber eigentlich alle in und rund um GRdigital, gerade als Digital Shaper 2026 des Bilanz Wirtschaftsmagazins ausgezeichnet wurde, zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Vieles wurde erreicht, einiges bleibt zu tun. Mit dem neuen Leistungsauftrag kommt neben dem Tourismus neu der Fokus auf die KMU im Kanton Graubünden dazu. So weit das Pflichtprogramm.
Das Rahmenprogramm
Erst danach öffnete sich der Abend für alle, vor Ort und im Stream. Den Auftakt machte James Cristallo, der die Gäste im Namen der ibW Höhere Fachschule Südostschweiz willkommen hiess. Danach überbrachte Regierungsrat Marcus Caduff das Grusswort des Kantons und unterstrich, dass GRdigital die digitale Transformation aktiv vorantreibt und mitträgt. Durch das Rahmenprogramm führte Nikolaus Schmid, Vorstandsmitglied, Sprecher und Schauspieler, der den vier Inputs mit leichter Hand Raum gab, ohne ihnen je die Bühne zu nehmen.
Der öffentliche Teil stellte den Tourismus ins Zentrum. Doch wer genau hinhörte, merkte rasch: Was hier über Hotels, Bergbahnen und Destinationen gesagt wurde, trifft den Schreiner in Domat/Ems so gut wie die Spitex im Engadin oder die Gemeindeverwaltung im Val Müstair. Der Tourismus war an diesem Abend nur das Anschauungsbeispiel. Gemeint waren alle Branchen im Kanton.
Marcel Meyer (GRdigital Fachstelle Tourismus): Wer zuerst nach dem Werkzeug fragt, sucht am falschen Ende
Ich hatte mir für diesen Input ein eigenwilliges Ziel gesetzt: einen Beitrag zu schreiben, bei dem mir künstliche Intelligenz so wenig wie möglich helfen kann. Als kleiner Gegenbeweis, dass es uns Menschen trotz allem noch braucht, nicht nur im Tourismus. Also begann ich mit «Allegra zämma», hielt die ganze Rede auf Bündnerdütsch, das beherrscht die KI nämlich erstaunlich schlecht, und baute Wortspiele mit dem Rückgrat unseres Tourismus ein, mit allen Bündner Gemeinden.
Inhaltlich nahm ich das Publikum mit auf eine digitale Bergtour, von der Tagwache um halb vier bis zurück in die Hütte. Das Bild ist kein Schmuck, es erzwingt eine Reihenfolge, die wir im Digitalen ständig verdrehen. Am Berg käme niemand auf die Idee, zuerst die teuerste Ausrüstung zu kaufen und erst dann zu fragen, wohin er überhaupt will. Im Büro tun wir genau das.
Unterwegs schlägt das Wetter um, wie im echten Tourismus: steigende Gästeansprüche, die Marktmacht der grossen Tech-Konzerne, fehlende Koordination, weil jeder sein eigenes Gärtli pflegt, und ein Technologieschub, der real ist, ob er uns passt oder nicht. Was in diesem Sturm hilft, ist kein Tool, sondern drei nüchterne Fragen. Wo stehen wir heute? Was ist für uns wirklich wichtig? Und was bringt am Ende spürbar Wirkung? Wer diese drei beantwortet, trägt das halbe Gipfelglück schon im Rucksack.
Genau hier setzt die Fachstelle Tourismus an. Sie stellt keine fertige Software hin und baut niemandem ein System um, sie wirkt wie ein digitaler Bergführer: Sie schaut den Kontext eines Betriebs an, zeichnet dessen persönliche Route ein, hilft bei der Ausrüstung, begleitet unterwegs und macht die Leute fähig, ihren eigenen Weg zu gehen. In den Rucksack gehören vier Dinge: Karte und Kompass als gesammeltes Wissen und Orientierung, Seilschaft und Hüttenleben für den Austausch, erfahrene digitale Bergführerinnen, sowie Markierungen und Sicherheitsregeln als Standards und Governance, damit das eigentliche Ziel nie aus dem Blick gerät.
Dass das wirkt, lässt sich zeigen, nicht nur behaupten. Diverse Bündner Tourismusorganisationen haben den Initialworkshop mit den digitalen Bergführer*innen durchgeführt und damit die Standortbestimmungen abgeschlossen. Dabei ging es nie um dieselbe Lösung: beim einen um die Buchungsstrecke, beim anderen schlicht um Ordnung in den eigenen Daten. Und niemand ist allein am Berg: Partner wie Marc Tischhauser (GastroGraubünden), Jürg Domenig (HotellerieSuisse Graubünden) und Marcus Gschwend (Bergbahnen Graubünden), und neu auch Digitourism, gehören zur Seilschaft. Niemand muss in zwölf Monaten den digitalen Mount Everest bezwingen, es geht um den individuellen nächsten Schritt, egal wo jemand heute steht. Oben warten dann vier Dinge, die man mit ins Tal nimmt: ein klarer Fokus, mehr Effizienz, digitale Kompetenz und messbare Wirkung. Und ja, dieselbe Reihenfolge gilt für eine Schreinerei oder eine Arztpraxis genau gleich. Die Tour ändert sich, das Prinzip nicht.
Daniel Rüfle (Digitourism Wallis): Im Walliser Tourismus ist die Theorie längst Alltag
Daniel Rüfle bringt mit, was uns noch fehlt: die Routine vieler Jahre. Digitourism ist ein mehrjähriges Programm von Valais/Wallis Promotion/Wirtschaftsförderung Wallis, geführt von der CimArk, und sein Ausgangspunkt deckt sich verblüffend mit dem der GRdigital Fachstelle Tourismus. Ein touristischer Betrieb werde nicht erfolgreicher, weil er digitaler werde, sondern wenn ein konkretes Problem kleiner wird. Die Technik kommt nach dem Bedürfnis, nie davor.
Das Walliser Modell ist erfrischend simpel. Orientierung, die passenden Fachleute, eine pragmatische Förderung, und schon entsteht ein Weg ins Tun. Nicht jede Idee muss gleich ein Projekt sein, oft reicht ein Gespräch, ein Kurs, ein kleiner Schubs. Die Bilanz, die Rüfle mitbrachte, ist eindrücklich: nach seinen Angaben über 600 begleitete Betriebe, mehr als 80 geprüfte Digitalfachleute, über 700 Vorhaben. Das Stärkste daran ist nicht die Summe, sondern was zwischen den Projekten wächst, ein Netz aus Kontakten, Vertrauen und geteiltem Wissen.
Für uns ist das Wallis kein Konkurrent, sondern ein Beweis. Es ist genauso bergig, genauso kleinteilig, genauso mehrsprachig wie wir, und legt vor. Wichtig dabei: Dieses Modell trägt nicht nur den Tourismus. Orientierung, Fachleute, Begleitung, das funktioniert im Gewerbe, im Gesundheitswesen und in der Bildung genauso. Den Pfad müssen wir nicht erfinden, wir müssen ihn nur gehen.
Ramona Brüniger (Monamedia): Wer wartet, bis es bequem ist, kommt nie los
Ramona Brüniger, Content Creatorin und Gründerin der Agentur Monamedia, erzählte den Bruch in ihrer eigenen Laufbahn. Als Radiofrau bei Radio Grischa hatte sie Reichweite, doch das Publikum am Mikrofon wurde älter, während ihre eigene Generation längst auf dem Handy lebte. Statt zu warten, bis das alte Medium nachzieht, ging sie selbst dahin, wo ihre Leute waren. Aus einer einzigen Entscheidung wurden ein Beruf und ein Unternehmen.
Ihre Lektion passt aus meiner Sicht auf jede Destination, und ebenso auf jeden Gewerbebetrieb, der gefunden werden will. Sichtbarkeit entsteht dort, wo die Leute ihre Zeit wirklich verbringen, nicht dort, wo es ein Marketingplan vorsieht. Wie gross die Lücke ist, zeigt eine einzige Zahl: Erst 36 Prozent der Schweizer KMU haben überhaupt eine eigene Website (KMU Digital Pulse 2025), während die Kundschaft längst online und zunehmend über Social Media nach Anbietern sucht. Ein ehrlicher, leicht unperfekter Beitrag schlägt dabei die teuerste Hochglanzproduktion. Und KI? Sie kann helfen, ersetzt aber nicht das, was Menschen an eine Marke bindet, eine glaubwürdige Stimme, über Jahre dieselbe.
Die eigentliche Pointe liegt im Tempo. Während wir in Sitzungen klären, ob ein kurzes Video zur Marke passt, hat ihre Generation die Marke längst woanders gefunden. Es geht nicht ums Ob, sondern darum, wer den ersten Beitrag tatsächlich aufnimmt.
Roger Basler de Roca (Digital Architekt für digitale Geschäftsmodelle): Die teuerste KI ist die, die niemand versteht
Roger Basler de Roca, Unternehmer und Dozent, räumte zwischen Hype und Ernüchterung auf. Sein Grundgedanke sass: Künstlich sei nur die Maschine, das Denken müsse beim Menschen bleiben. KI nehme uns das Überlegen nicht ab, im Gegenteil, sie verlange, dass wir vorher, mitten drin und hinterher mitdenken.
Daraus machte er drei Fähigkeiten, die jeder Betrieb braucht, egal in welcher Branche.
- Erstens die eigenen Daten. Das Wertvollste an einer KI-Antwort ist selten das Modell, sondern das Material, das man der Maschine gibt. Wer seine Inhalte ordnet und schützt, hat den grösseren Hebel als jener, der auf die nächste Version wartet.
- Zweitens die Anweisung. Einzelne clevere Eingaben verpuffen, gefragt sind wiederholbare Abläufe, an die sich ein ganzes Team hält.
- Drittens das Prüfen. Jede Quelle gehört auf Aktualität, Verlässlichkeit, Herkunft und Absicht abgeklopft, bevor man ihr traut.
Wie nötig dieser Dreiklang ist, zeigen die Zahlen. Laut der KMU-Arbeitsmarktstudie der AXA ist der Anteil der Schweizer KMU, die KI nutzen, 2025 von 22 auf 34 Prozent gestiegen. Klingt nach Durchbruch. Nur: Die häufigsten Anwendungen bleiben Übersetzung und Korrespondenz. Verbreitung ja, Tiefe selten. Genau hier setzt Rogers schärfste Idee an. Das klügste Geld für das kommende Jahr fliesse nicht in KI selbst, sondern in saubere, möglichst europäische Daten und in die Köpfe, die damit umgehen. Für Graubünden übersetzt, und zwar für jede Branche: Nicht die fehlende Technik bremst uns. Es ist das fehlende Vertrauen in die eigene Urteilskraft.
Vier Wege, ein Punkt
Eine Content Creatorin, ein Walliser Macher, ein KI-Denker und einer, der den Bündner Tourismus digital begleitet. Unterschiedlicher geht es kaum. Und doch landeten alle vier am selben Ort. Keiner sprach vom besten Tool. Alle sprachen davon, was davor kommt: zuerst das richtige Problem, zuerst die Menschen, zuerst die Daten, zuerst der Mut zum Anfang.
Und keine dieser Einsichten gehört dem Tourismus allein. Sie gehören dem Schreiner, der Spitex, der Schule, der Gemeinde. Der Tourismus war an diesem Abend die Bühne. Gespielt wurde das Stück des ganzen Kantons.
Beim Apéro: Vorstellung der geförderten Projekte
Dass all das keine Theorie ist, zeigte sich gleich nach dem offiziellen Teil. Beim Apéro lud eine Projektschau zum Rundgang: (Danke Florian Herzog, Claudio Ghiringhelli, Gianluca Giuliani, Christian Wyrsch, Martin Cantieni, Markus Müntener, Samuel Porter, Jennifer Frei-Hofmann, David Haslerm Karin Lutz, Silvia Conrad, René Mettler, Nadine Ganz, Thomas Buchli, Mauro Gotsch). Kein Hochglanz, sondern Vorhaben mitten aus der Praxis, an denen Bündner Betriebe, Organisationen und Köpfe gerade arbeiten. Genau das, worüber auf der Bühne gesprochen wurde, stand hier zum Anfassen im Raum: Menschen, die angefangen haben, statt auf das perfekte Werkzeug zu warten. Wer wissen wollte, wie digitale Transformation in Graubünden konkret aussieht, musste an diesem Abend nur das Glas in die Hand nehmen und zuhören.
Was bleibt, drei Thesen
These 1: Über den Fortschritt entscheidet die Reihenfolge, nicht das Werkzeug.
Wer mit der Frage nach dem Tool beginnt, baut eine Lösung für ein Problem, das vielleicht keiner hat. Wer mit dem Problem beginnt, findet das Werkzeug fast von allein. In dieser kleinen Umkehrung steckt der ganze Unterschied zwischen Beschäftigung und Wirkung.
These 2: Das Kapital sind die eigenen Daten und die Urteilskraft, nicht das Modell.
Das nächste Update kommt ohnehin von allein. Knapp sind geordnete eigene Daten und Menschen, die einer Maschine auch widersprechen. Beides kann man nicht kaufen, nur aufbauen.
These 3: Digital wird man nicht durch Vornehmen, sondern durch Anfangen.
Reden über Digitalisierung ist bei uns bequem geworden. Anfangen ist es nie. Der teuerste Fehler ist nicht der falsche erste Schritt, sondern jener, den man Jahr für Jahr aufschiebt.
Fazit: Wie steht es um die digitale Transformation in Graubünden?
Wie digital ist der Kanton Graubünden wirklich? An den Werkzeugen liegt es nicht, die haben alle. Es liegt daran, ob wir bei jedem Vorhaben zuerst das echte Problem suchen, ob wir unsere Daten und unsere Leute ernst nehmen, und ob wir den ersten Schritt wirklich gehen, statt ihn ein weiteres Jahr zu planen.
Der Abend in Chur hat dafür vier Belege auf eine Bühne gestellt und beim Apéro elf weitere zum Anfassen daneben, und nebenbei gezeigt, dass dieser Kanton weiter ist, als das Dauergerede über KI vermuten lässt. Es gibt sie längst, die Betriebe und Menschen, die anfangen, im Tourismus und überall sonst. Der Wermutstropfen gleich daneben: Verbreitung heisst noch nicht Wirkung, und es sind noch zu wenige, die vom Reden ins Tun kommen.
Das ist am Ende keine Frage der Technik, sondern des Anfangens.
Mein Dank dafür gilt vielen. Jon Erni und dem Vorstand gesamten Vorstand Nikolaus Schmid, Aixa Andreetta, Barbara Haller Rupf, Thomas Rechberger, Maurus Blumenthal, Carla Caspar, Reto Keller und speziell nochmals Nikolaus Schmid für die Moderation, James Cristallo und der ibW als Gastgeberin, Regierungsrat Marcus Caduff für die Worte des Kantons sowie allen Referentinnen, deren sehr verschiedene Inputs zusammen einen überraschend klaren Satz ergaben. Mein grösster Dank aber gilt allen, die GRdigital tragen: unseren Mitgliedern, den Fachrätinnen und Fachräten, die Gesuche prüfen, dem Kanton als verlässlichem Partner, dem ganzen Team der Geschäftsstelle und allen, die uns auf diesem Weg unterstützen. Ohne euch gäbe es weder Verein noch Bergtour.
Die Aufzeichnung des Abends steht bereit, schaut rein.
Und jetzt du, ganz ehrlich:
- Wartest du noch auf das perfekte Werkzeug, oder hast du längst angefangen und es nur noch niemandem erzählt?
- Wer ist für dich am Zug, der Kanton, die Betriebe, oder am Ende jede und jeder Einzelne?
- Und reden wir in Graubünden mehr, als wir tun?
Packen wir die digitale Transformation im Kanton Graubünden gemeinsam an!
Weiter gehts!